Kontaktlinsenforschung: Ein molekularer Pelz

  • 10. Jul. 2009    
  • Judith Schwarzer  
  • Allgemein

Immer mehr Hersteller setzen auf biokompatible Kontaktlinsen. Was genau hat es damit auf sich?

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen unter Allergien leiden; in einer Zeit, in der ein immer größeres Umweltbewusstsein aufkommt; in einer Zeit, in der die Menschen die Vorteile natürlicher Produkte wieder neu entdecken; in dieser Zeit wird auch die Kontaktlinse revolutioniert.

Viel ist passiert, seit sich die Menschen vor mehr als 100 jahren die ersten Skleralschalen aus Glas ins Auge schoben. Sie bedeckten die gesamte Hornhaut und hatten einen leidlich guten Komfort. Im Jahr 1946 entwickelte der Kieler Heinrich Wöhlk die erste Corneal-Linse aus Kunststoff. Sie lag nur auf der Iris und war angenehmer zu tragen. Seit dem hat die Kontaktlinsenforschung immer neue Verfahren und Mateialien hervorgebracht. Der neueste Trend sind biokompatible Linsen. Sie arbeiten mit Kopien körpereigener Materialien, die das Wasser in der Kontaktlinse speichern.

Die drei Säulen des Komforts

Die Funktionsweise biokompatibler Lisen soll hier am Beispiel der neuen Produktreihe Contact Life von WÖHLK erläutert werden. Wöhlk ergänzt das Trägermaterial Vitalficon A durch Sulfobetain (SB) und Aminosäure (AS) und verhindert so das Entweichen von Feuchtigkeit aus der Linse. Diese preisgekrönte Innovation baut in punkto Verkträglichkeit auf drei Säulen:

Feuchtigkeitsregulierung: Viele Kontaktlinsenträger kennen das Problem ausgetrockneter Augen. Das liegt zum großen Teil am Wassergehalt der Linse. Hoch wasserhaltige Linsen geben mehr Feuchtigkeit an die Umwelt ab. Die fehlende Flüsigkeit wird dem Auge entzogen. Reicht das nicht, beginnen die Linsen auszutrocknen. Die Linse sitzt nicht mehr gut auf der Hornahut, fühlt sich wie Fremdkörper an und es fällt immer schwerer zu fokussieren. Biokompatible Kontaktlinsen binden die Feuchtigkeit in der Linse. Moderne Linsen haben zudem ein abgeflachtes Randdesign, das den Tränenaustausch um die Linse herum verbessert und Dehydrierung unterbindet.

Sauerstoffdurchlässigkeit: Das A und O bei Kontaktlinsen ist die Atmung des Auges. Rötungen des Auges und Juckreize nach einem langen Tag mit eingesetzten Kontaktlinsen sind meist die Folge mangelnder Sauerstoffzufuhr. Eine hohe Sauerstoffpermeabilität wird durch hohe Wasseranteile in der Kontaktlinse ermöglicht. Da hohe Feuchtigkeitswerte das Auge schnell austrocknen, war es bisher schwierig, einen Kompromiss zwischen beiden Parametern zu finden.

Verträglichkeit: Die Verträglichkeit einer Kontaktlinse ergibt sich in erster Linie aus der Feuchtigkeitsregulierung und Sauerstoffdurchlässigkeit (s.o.). Immer häufiger treten jedoch allergische Abwehrreaktionen auf. In vielen Fällen liegt das an der Unverträglichkeit des wasserbindenden Stoffes. In erster Linie Allergiker, aber auch Schwangere können aufgrund der Neuordnung des Hormonhaushaltes plötzlich Unverträglichkeiten entwickeln. Biokompatible Wasserspeicher werden vom Auge als körpereigene Substanz wahrgenommen und nicht abgestoßen. Moderne biokompatible Materialien haben noch einen weirteren Vorteil. Forscher haben biokompatible, sogenannte selbstassemblierende Monoschichten auf die Oberflächen von Kontaktlinsen (und Schiffsrümpfen) aufgetragen, die „einen maßgeschneiderten molekularen Pelz auf Oberflächen wachsen“ lassen. Dieser Pelz reduziert Ablagerungen von Lipiden und Proteinen praktisch auf Null.

Wöhlk arbeitet mit Sulfobetain und Aminosäure, Safilens nutzt Natrium-Hyaluronsäure, viele andere Hersteller setzen auf Mucine. Alle Stoffe kommen im menschlichen Körper, bei Tieren und Pflanze vor. Die Stoffe werden nicht nur bei der Kontaktlinsenherstellung benutzt, sondern finden vor allem bei Bypässen und künstlichen Organen Verwendung.

Die ersten, die biokompatible Kontaktlinsen auf dem deutschen Markt verkauften, waren Cooper Vision mit der Proclear Reihe. Mittlerweile haben die verschiedensten Hersteller biokompatible Kontaktlinsen in ihrem Produktportfolio. Wöhlk, ein Teil der Carl-Zeiss Unternehmensgruppe hat Contact Life lanciert, Hydrogel Vision bietet die Extreme H2O Serie an, Safilens hat Safe-Gel.

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Andreas


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